Mitgefühl und Konzentration

Mitgefühl und Konzentration

Mitgefühl und Konzentration

Vor langer Zeit kam ein sehr junger Mann in einen buddhistischen Tempel, er war vom Leben schwer enttäuscht, hatte in seinen jungen Jahren bereits herbe Schicksalsschläge erleiden müssen.

Als er vor dem Abt stand, sagte er: „Mein Leben war bis heute für mich furchtbar, die Vorsehung hat mir übel mitgespielt, Leid, Kummer und Mühe prägen meinen Weg, großes Unheil bricht immer wieder über mir zusammen, Tragik und Trostlosigkeit begleiten mich. Nun bin ich zu euch gekommen, um mein Schicksal zu verbessern, ich habe von den Lehren des Buddhas gehört, nun möchte ich mein Heil mit der Suche nach „Erleuchtung“ versuchen, gibt es eine Chance auch für mich“?

Der Abt musterte ihn lange und gründlich, dann sagte er: „Ja, auch für dich ist das Erwachen möglich, erzähle mir von dir, was kannst du, was hast du gelernt, wo liegen deine Stärken?“

Der junge Mann überlegte, dann sprach er leise: „Ich bin nicht sehr begabt, meine Familie ist reich, ich muss nicht arbeiten, ich kann mich auch nicht gut konzentrieren, in Wahrheit bin ich schwach und ängstlich, habe wenig Disziplin, aber eines kann ich gut, ich spiele sehr viel Schach, da liegt mein Talent“.

Der weiße Abt überlegte, dann rief er nach einem bestimmten Mönch und wies ihn an ein Schachspiel zu bringen. Er sprach zu dem Mönch: „Als Mönch dieses Tempels bist du mir Gehorsam schuldig, in allen Belangen, zu jeder Zeit. Ich weise dich nun an mit diesem Mann eine Partie Schach zu spielen, und du musst gewinnen. Tust du das nicht, werde ich dich töten. Wenn du gewinnst, werde ich den jungen Mann töten, es ist ein Spiel auf Leben und Tod.“

Beide „Schachpartner“ sahen den Abt zweifelnd an, war das sein Ernst, in einem buddhistischen Kloster wollte er einen Mann töten? Im Gesicht des Abtes war keine Regung, ja, er meinte es so, wie er es sagte, das war jetzt klar.

Sie begannen zu spielen, der junge Mann war völlig aufgelöst, er fing an zu schwitzen, er spielte um sein Leben. Sein Gegner der Mönch jedoch war gelassen, er akzeptierte die Dinge, die da kommen würden, er vertraute auch seinen Führer und auf die Lehren Buddhas, er war im Einklang mit seinem Sein.

Zuerst spielte der Jüngling schlecht, hastig, unkonzentriert, machte einige Fehler, doch mit der Zeit beruhigte er sich, seine Züge wurden besser, der Mönch hatte nicht so viel Übung im Spiel und gelang ins Hintertreffen.

Der junge Mann war etwas sicherer geworden und blickte vom Brett auf, er sah in das friedliche Gesicht des Mönches, ein Antlitz von friedlicher Gelassenheit, Erkenntnis und Aufrichtigkeit, keine Angst spielte sich in der Mimik des buddhistischen Bruders. Nun kamen Gedanken in ihm auf, sein Leben zog vor seinen inneren Augen vorbei, auf einmal regten sich Gefühle für den Mönch in ihm, er verglich sein Leben mit dem seines Gegenübers, wie nutzlos sein Weg bis hierher doch war. Und wenn er heute das Spiel gewinnen würde, dann verliert dieser besondere Mann sein Leben, wegen ihm, einem Nichtsnutz. Er fing an, absichtlich schlecht zu spielen, er wollte verlieren, eine Welle von Mitgefühl durchlief ihn, er wollte sein Leben für das des Mönches geben.

Da griff der Abt plötzlich in das Brett und stieß die Figuren um.

Beide Spieler blickten irritiert auf, das Spiel hatte sie in den Bann gezogen.

Der Abt sprach: „Heute wir keiner gewinnen oder verlieren, keiner wird sterben! Du, junger Mann, hast heute etwas gelernt, nämlich Mitgefühl und Konzentration, du warst in das Spiel vertieft und hast trotzdem an das Schicksal deines Gegenübers gedacht, du wolltest sogar für ihn sterben. Du darfst bei uns bleiben, du sollst eine Ausbildung erhalten, das Erwachen wird zu dir kommen, du bist reif dafür“!

So kam es!

Haben und nichts geben ist in manchen Fällen schlechter als Stehlen

Marie Freifrau Ebner von Eschenbach – österreichische Erzählerin- 1830 – 1916

 

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